Warten, Fahren, Staunen – Whitehorse bis Yellowstone Nationalpark

Manny braucht Hilfe

Differential-Öl tropft. Wir sind in der Mitte zwischen Watson Lake und Whitehorse. Vielleicht liegen eine Handvoll Häuser unterwegs an der Strasse, mehr nicht. Wohin soll es weiter gehen? Die Entscheidung fällt auf Whitehorse und wir fahren langsam die 250 km zurück zur grössten Stadt im Yukon. Wenn uns jemand helfen kann, dann finden wir die Hilfe wohl am ehesten hier.

Wir pendeln für zwei Wochen zwischen einer Werkstatt am Nordende von Whitehorse, der Bibliothek (der einzige Ort mit vernünftigem Internet) und unserem Übernachtungsplatz am Long Lake hin und her, während wir alles Organisieren um die Lager am hinteren Differential austauschen zu lassen.

Die Ersatzteile fliegen wir von Vancouver Island ein und ständig müssen wir bei den Mechanikern etwas Druck aufsetzen, dass auch wirklich etwas geschieht. Wir üben uns im Warten und in Geduld. Abmachungen, Vereinbarungen und Pünktlichkeit haben nicht Schweizer Standard. Am Schluss heisst es Ende gut, alles gut. Manny’s Unannehmlichkeiten sind behoben. Mit einem viel leichteren Portemonnaie geht es nun schleunigst in den Süden. Die ersten Nächte unter null liegen nämlich schon hinter uns und die kleinen Hügel um Whitehorse sind weiss gezuckert.

Dem Winter fast immer einen Schritt voraus

Wo soll es nun hingehen? In der Richtung sind wir uns einig: nach Süden! Vancouver Island und dann an die Küste von Washington State und Oregon oder wagen wir es doch noch einmal durch die Rocky Mountains? Vielleicht sind die Strassen im Yellowstone Nationalpark ja noch offen…

Bis wir da sind, liegen noch 3’250 km vor uns. Hier klopft der Winter an, aber was da im Süden los ist, wissen wir nicht. Ist ja doch noch ein Stückchen.

Im Eiltempo fahren wir über den Alaska-Highway nach BC, durch die Berge der Nationalparks Jasper und Banff, bis ins trockene Cowboyland von Montana. Stets im Nacken sitzend ein heftiger Wintersturm. In der Nacht bevor wir West Yellowstone erreichen, hat er uns eingeholt. -8 °C, Schnee und bissiger Wind begrüssen uns am Morgen. Die Startschwierigkeiten in den Tag sind deutlich erkennbar. Der Weg aus dem warmen Schlafsack in die kalten Kleider ist ein Kampf. Die Grundstimmung sinkt, als der Gaskocher vor lauter Kälte nicht funktionieren will und auf den Kaffee verzichtet werden muss. Scheiben kratzen, innen und aussen, und Manny zum Laufen zu bringen, sind eine Tortur.

Wir wagen uns auf die tief verschneiten Strassen und bahnen uns, mit viel Konzentration, einen Weg nach West Yellowstone. Nur langsam kommen wir voran, klettern Höhenmeter um Höhenmeter, die Scheibenwischer frieren ein, Eiszapfen wachsen an Manny und das Schneien will nicht enden.

In dem kleinen Ort West Yellowstone klingeln ständig die Türen und Touristen strömen in die Souvenirshops. Auch wir schlendern von Laden zu Laden um uns aufzuwärmen. Immer wieder kommt uns zu Ohren, dass so ein Wintereinbruch für diese Jahreszeit ungewöhnlich sei. Die Einfahrt in den Yellowstone Nationalpark ist auf unbestimmte Zeit geschlossen und wir suchen uns ein Zimmer, denn auf Campen bei -22 °C in der Nacht haben wir keine Lust.

Eiskalt

Die graue, in Schneegestöber eingehüllte Stadt ist verschwunden. Glänzend steht die Sonne am Himmel und lässt die weissen Hausdächer und Strassen funkeln. Die Tore zum Nationalpark sind noch geschlossen. Zu Fuss spazieren wir durch den Schnee. Noch nie hat Schnee in unseren Ohren so stark geknirscht wie da. Wir sind warm eingepackt, bewegen uns und trotzdem spüren wir nach kurzer Zeit wie eiskalt unser Gesicht ist.

Am Nachmittag erhalten wir die freudige Nachricht, dass die Zufahrt in den Yellowstone Nationalpark eis- und schneefrei sei. Nichts wie los! Ja, dieser Gedanke haben nicht nur wir. Eine Autoschlange steht vor dem Parkeingang und natürlich glauben wir touristentechnisch zu wissen, worauf wir uns hier, in einem der meistbesuchten Nationalparks der USA, einlassen. Dennoch verschlägt es uns die Sprache und wir können dieser Menschenmasse nicht immer ausweichen. Gewisse Reisegruppen überschreiten beinahe unsere Toleranzgrenze und wir müssen zueinander in unserer Geheimsprache Schweizerdeutsch ständig sagen, dass es unterschiedliche Wege gibt, die Freude an etwas so Fantastischem wie dem Yellowstone zu erleben und zum Ausdruck zu bringen.

Dampfende und brodelnde Hexenküche

Es zischt, blubbert, spuckt, stinkt und dampft um uns herum. Wir stehen auf einem riesigen Supervulkan. Hier sind zahlreiche Geysire beheimatet, regenbogenfarbige heisse Quellen, übelriechende Schlammlöcher, aber auch eindrückliche Canyons und tosende Wasserfälle. Da der Park wirklich gigantisch gross ist, machen wir uns etappenweise an einzelne Abschnitte heran. So bahnen wir nun also unseren Weg durch dieses einzigartige Weltnaturerbe und erkunden die Grand Prismatic Spring.

Diese Thermalquelle ist eine der grössten Attraktionen, für uns allerdings etwas enttäuschend. Durch die kalte Luft dampft das Becken so stark, dass wir kaum etwas sehen können. Aber vielleicht lässt sich ja diese farbenfrohe Quelle in ein paar Tagen, wenn der Schnee geschmolzen ist, noch besser erleben. Während wir von Geysir zu Blubbermatsch und dampfenden Pools fahren, fühlen wir uns wie in einer anderen Welt. Natürliche Grün-, Gelb- und Rottöne geben dieser weiss verschneiten Landschaft etwas Besonderes. Dazwischen finden wir immer wieder smaragdgrüne und türkis leuchtende Tümpel, begleitet vom lieblichen Geruch fauler Eier, nur die Dinosaurier fehlen, um das Bild dieser surrealen Welt zu vervollständigen.

Wachsende Kalksinterterrassen

Wir sind begeistert von der Umgebung und freuen uns auf den nördlichen Teil des Nationalparks. Die Mammoth Hot Springs sind Kalksinterterrassen, welche sich in ständigem Wandel befinden. Täglich lagern sich 2 Tonnen Kalk aus dem Wasser ab und formen die vielfältigen Becken. Das Wachstum geht so schnell, dass Bäume vom Kalk eingeschlossen werden und absterben.

Aber nicht nur die weissen Terrassen laden uns zum Verweilen ein, sondern auch die grosse Wapiti-Herde mitten im Dorf lockt uns zum Beobachten an.

Wolfspack und Bisonherde

Wir erkunden tosende Wasserfälle und blicken in den tiefen Canyon. Im wunderschönen Lamar Valley grasen noch vereinzelte Bisons in der Sonne. Der Schnee ist grösstenteils geschmolzen, doch die riesige Bisonherde ist bereits unterwegs in ihr Winterquartier.

Die weite Landschaft mit ihren Schneebergen im Hintergrund ist atemberaubend. Nicht nur die Bisons fühlen sich hier Zuhause, sondern auch Grizzlybären, Gabelhornantilopen, Kojoten, Wapitis und Wölfe. Die romantischen Wildlife-Momente hat man aber im Regelfall nicht für sich alleine. Meistens sehen wir eine Autoschlange und Menschen mit Kameras und Ferngläsern, bevor wir die Tiere selber entdecken.

Die Landschaft ist so hinreissend, dass wir uns Zeit nehmen, diese vor dem inneren Auge abzuspeichern und zu geniessen. Dabei werden wir ganz unerwartet von einem Wolfspack überrascht. Das Rudel hüpft durch das hohe Gras. Wir nehmen unser Fernglas zur Hilfe und schauen den herumtollenden Vierbeinern zu. Welch ein unvergessliches Erlebnis!

Abstecher in den Grand Teton Nationalpark

Im südlichen Teil des Yellowstone Nationalparks liegt der Yellowstone Lake. Auch hier zischt, brodelt und dampft es immer wieder um uns herum. Wir fahren jedoch noch weiter durch die farbigen Herbstwälder in den angrenzenden Grand Teton Nationalpark. Seine zackigen Berggipfel sind beeindruckend.

Die Saison scheint bereits vorüber zu sein, was uns aber nicht vom Wandern abhält. Wir geniessen die kleinen Seen, das Picknicken, die Offroad-Pisten und die herrlichen Ausblicke auf die spitzigen „Tetons“ ganz für uns. Einzig die Nächte sind herausfordernd. Das Thermometer fällt mehrmals unter null und wir sind auf einer Höhe, wo wir unsere Heizung nicht einsetzen sollten. So verbringen wir viel Zeit im Schlafsack und staunen, welche Wärme eine einzelne Kerze erzeugen kann.

Farbenpracht

Inzwischen ist der Schnee fast überall geschmolzen und wir möchten noch einmal die Hexenküche erleben. Aufgeregt und gespannt geht es zurück in die etwas andere Welt. Vor uns bricht der Geysir „Old Faithful“ aus und wir lassen uns von den sprudelnden Pools verzaubern.

Nach einem kleinen Spaziergang versetzt uns der Ausblick ins Staunen. Kräftig glänzen die Farbtöne orange, gelb und grün am Rand der tiefblauen Thermalquelle. Diese bunten Farben kommen durch verschiedene Arten von wärmeliebenden Bakterien und Algenmatten zustande. Im superheissen blauen Zentrum wachsen keine phototrophen Bakterien. Im gegen den Rand hin kühler werdenden Wasser gedeihen nun Bakterien und deshalb leuchtet das Wasser grün. Der gelbe Streifen ist Schwefel. Das kälteste Wasser ist in den orangefarbenen Abflüssen (ca. 55 °C). Dort leben Algen, wodurch das Wasser orange erscheint. Unglaublich, dass in diesem heissen Becken Kleinstlebewesen existieren können und so für die unterschiedlichen Farben sorgen. Überwältigt von so viel Schönheit bestaunen wir vom Hügel aus lange dieses Naturphänomen und verstehen nun auch weshalb das Farbenspiel der Grand Prismatic Spring so oft fotografiert wird. Überglücklich verabschieden wir uns von dieser Gegend und brechen auf zu einem kurzen Abstecher ostwärts.

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Godel Walti und Ursi
Godel Walti und Ursi

Liebe Fränzi, lieber Tobi

Was wir erneut von euch an Infos und grandiosen Bildern erhalten sprengt
doch beinah den „Rahmen“. Super gemacht !!!
Wir können dabei erkennen, wie die vielen Details von euch bildlich aufgegriffen
und analysiert werden.
Die diversen Zusatzerklärungen mit Begründungen dürfen wir in der warmen
Stube studieren und das geniessen wir beide sehr.
Dass, wo immer möglich, ihr dem Massentourismus ausweichen möchten ist
absolut verständlich. So wie es momentan tönt, könnt ihr euch auf Manny
wieder verlassen. Mechanisch solltet ihr doch auch mal ein Diplom (MBAspez)
erhalten, denn da seid ihr bestimmt inzwischen gesuchte, gewiefte Leute.

Wir wünschen euch gute Fahrt und dem Manny weiterer Durchhaltewille in den
wärmeren Landesgegenden und freuen uns auf den nächsten Reisebericht mit
bestimmt unterschiedlichen Erlebnissen.

Liebe Grüsse
Walti und Ursi

Herr Markus Altherr
Herr Markus Altherr

Das ist einfach einen super schönen Bericht. Gratuliere euch und ich weiss wie kalt es war. Und ich war sehr froh das die Heizung in unserer Fahrbaren Wohnung funktioniert. Im eingeschlossenen Campingplatz Gehörten wir zu den wenigen die noch bleiben. Und wir konnten den Park mit den Bison teilen.
Ich gratuliere euch zu eurer schönen und eindrücklichen „ Leistung „ ( es fällt mir kein besserer Ausdruck ein)
Und bis bald Markus