Rote Steine und Canyons im Südosten von Utah

Reisealltag

Wir fahren über die Grenze nach Utah in unseren siebten US-Bundesstaat und treffen im ersten Visitor Center direkt am Interstate Highway auf eine ältere Dame, die uns berichtet, dass sie seit Monaten keine Wetterveränderungen hatten und es in den nächsten Wochen nur etwas kühler wird. Einen Blick ans Himmelszelt zaubert ein Lachen in unser Gesicht. Blau und ohne Wolken, das sind gute Aussichten.

Wir wollen uns irgendwo im Warmen hinstellen und für ein paar Tage unsere Eindrücke sortieren und verarbeiten. Denn wir sind in der letzten Zeit viel gefahren und bevor wir reisemüde werden, suchen wir uns lieber ein schönes Plätzchen um die Seele baumeln zu lassen.

Es zieht uns in die Canyonlandschaft um Moab, im Südosten von Utah, ein Mekka für Outdoor-Menschen und Offroad-Begeisterte. Alle Arten von Adrenalin-Kicks sind hier käuflich erwerblich. Angangs Juli haben wir Tina und Johannes aus Deutschland, die mit ihrem Land Cruiser in Nordamerika unterwegs sind, in British Columbia kennengelernt und uns nun hier mit ihnen verabredet.

Shafer Trail und eine Oase der Ruhe

Gemeinsam mit Tina und Johannes holpern wir über den Schotterweg des Shafer Trails am Colorado River entlang. Die Strecke lebt von der Aussicht in die tiefen Schluchten und den Abschluss küren steile Serpentinen hinauf aufs Plateau. Immer früher wird es dunkel und bereits am Nachmittag beginnen wir einen Schlafplatz zu suchen. Ausserhalb des Canyonlands Nationalparks führt eine schmale, sandige Piste in die rote Schluchtenlandschaft. Auf einer Anhöhe mit Ausblick in das ganze Tal errichten wir unser Nachtlager. Während alle eilig Holz für das Lagerfeuer suchen, leuchten die Felstürme und der Tag verabschiedet sich langsam. Bis in die späten Abendstunden sitzen wir gemeinsam am Feuer und erzählen einander interessante Reisegeschichten.

Als am Morgen die ersten Sonnenstrahlen in der Nase kitzeln und wir im Bett aus dem Fenster die karge, trockene Canyonlandschaft sehen, ist für uns sofort klar, von hier zieht es uns nicht so schnell weg. Mit Spazieren, die Umgebung erkunden, Lesen, Geniessen, Schreiben, aber auch Backen und ausgiebig Kochen versüssen wir unsere Tage. Auch Tina und Johannes verweilen eine Weile in dieser Oase und wir hätten noch viel Gesprächsstoff für weitere Lagerfeuer-Abende…

Abstecher Canyonlands Nationalpark

Irgendwann sind die Vorräte aufgefuttert und das Wasser aufgebraucht. Es ist Zeit etwas Zivilisation anzufahren, einzukaufen, um dann vielleicht gerade nochmal eine Woche an einem schönen Plätzchen zu bleiben. Also zurück nach Moab. Mit dem letzten Tropfen Wasser und einem zusammengekratzten Picknick geht es vorerst auf Entdeckungsjagd im Canyonlands Nationalpark. Der Blick über den tief unten liegenden Green River und unseren ersten Steinbogen, den Mesa Arch, bewundern wir gebührend.

Das grosse wüstenähnliche Hochplateau wurde durch riesige Naturgewalten des Colorado Rivers und des Green Rivers über Jahrtausende zerklüftet und in drei Bereiche geteilt. Staunend stapfen wir über die kurzen Trails, halten bei zahlreichen Aussichtspunkten und geniessen das gewaltige Wunderwerk der Natur.

Offroad-Fieber

Lange haben wir Manny nicht mehr seinen Auslauf gegeben und sind stets fast nur noch auf Asphaltstrassen oder gut ausgebauten Pisten gefahren. Es lockt uns mal wieder eine Offroad-Tour zu unternehmen. Nichts Verrücktes mit „rock crawling“ oder wild durch die Wüste düsen, nein, einfach eine einfache Tour im Gelände. Schliesslich ist Manny ja unsere Wohnung und nicht ein Spielzeug fürs Gelände.

Hier präsentiert sich ein Highlight am andern. Schlussendlich entscheiden wir uns für den Long Canyon Trail und die Gemini Bridges Road. Kaum sind wir in Manny eingestiegen und ein paar Meter gefahren, müssen wir schon wieder raus und staunen. Obwohl es eigentlich nur rote Steine, rote Berge und rote Felsen in den verschiedensten Formen sind, wir werden einfach nicht müde beim Entdecken. Es schaukelt und holpert, geht steil auf und ab, über Steinplatten und durch den Sand.

Wir spazieren zu den natürlichen Steinbrücken, die einen Canyon überspannen. Vor knapp 30 Jahren sind da noch Wahnsinnige mit ihre Offroadspielzeugen über die Steinbrücken gefahren, bis ein Jeep samt Fahrer die 49m in die Tiefe fiel. Es erstaunt daher nicht, dass man heute nicht mehr direkt auf die Steinbögen fahren darf. Wir verweilen und geniessen die schöne Landschaft. Immer noch überrascht uns die Dämmerung am Nachmittag und wir versuchen schnellstmöglich ins Tal zu kommen. Die letzten Kilometer führen knapp am Abhang entlang und treiben beim Hinuntergucken den Angstschweiss aus allen Poren. Gerade als die Sonne untergeht haben wir wieder eine ordentliche Piste unter den Rädern.

Arches Nationalpark

Wer nach Moab kommt, will meist den Arches Nationalpark sehen. Also planen wir klug und besuchen den Park nur unter der Woche. Irgendwie schaffen wir es ganz gut, uns an der Menschenmenge vorbei zu manövrieren und erwandern die Gegend ausgiebig. Über dem Wüstenboden ragen rote Türme, riesige, monumental anmutende Gebilde, Nadeln und vor allem Bögen, Bögen und nochmals Bögen aus Sandstein. Es sieht aus, als hätten Riesen Steinbrocken fallen lassen und geniale Skulpturen daraus geschnitzt. Hier ein Gesicht, da ein Löwe und dort ein Seepferd. Egal wo wir hinschauen, unser Kopf assoziiert sofort solche Bilder in die Felsen.

Über 2000 Steinbögen (engl. Arches) sollen in dem Nationalpark sein, wegen derer das Gebiet unter Schutz steht. Die Zahl ändert sich je nachdem ob einer einstürzt oder Wind und Frost einen neuen zaubert. Je nach Lichtverhältnis ist das Gestein so rot, dass es fast unwirklich scheint. Schon aus der Ferne können wir den imposanten Bogen, der berühmte Delicate Arch, sehen. Uns bekannt ist er vor allem, weil er das Nummernschild vieler Autofahrer aus Utah ziert.

In dieser Welt der skurrilen Gesteinsformationen hat uns die Wanderlust gepackt und wir erkunden zahlreiche Bögen. Jeder sieht anders aus. Wir können uns fast nicht satt sehen. Egal ob die Wanderungen uns zu kleinen oder riesengrossen Gesteinsbögen führen, das Unterwegssein durch und über diese Felslandschaften mit einem ständigen Ausblick über die weite Wüstenebene ist ganz nach unserem Geschmack, ja einfach grandios!

Capitol Reef Nationalpark

Nach gut zwei Wochen verlassen wir die Umgebung von Moab, nutzen die Ortschaft nochmals als Versorgungsstation und ziehen weiter Richtung Süd-Westen. Dort taucht auf unserer Strecke der Capitol Reef Nationalpark auf. Ein Park von dem wir noch nie etwas gehört haben. Schon der erste Blick ist grandios. Das Capitol Reef erhielt seinen Namen von mormonischen Siedlern, die die steilen Felsformationen an ein Riff erinnerten. Die Pioniere gründeten die Siedlung Fruita, welche heute verlassen und als Museumsdorf zu besichtigen ist. Der Nationalpark Service bewahrt deren Geschichte dort sorgfältig auf. Die Fruita-Siedler erkannten damals die Fülle und Zugänglichkeit von Wasser und Wärme, die von den Wänden der Schluchten auf den Boden reflektiert wurde und nutzten dies um riesige Obstgärten mit Äpfeln, Pfirsichen, Birnen, Pflaumen, Walnüssen und Mandelbäumen zu pflanzen.

Der Scenic Drive mit den monumentalen Abbrüchen sparen wir uns vorerst noch auf. Eine rund 100 km lange Piste lockt uns viel mehr an. Sie führt durch das „Cathedral Valley“. Ob wir die Runde schaffen, hängt vor allem vom Wasserstand des Fremont Rivers ab. In der Abendsonne erreichen wir die Furt. Bevor wir lange Diskussionen führen, steht Fränzi knietief im Wasser und watet und watet und watet durch den saukalten Fluss. Der Untergrund ist steinig und bereitet Manny keine Sorgen. Also fährt er ein Stück im Fluss und noch ein Stück, bis auch er das andere Ufer erreicht. Besonders die Füsse und Beine von Fränzi sind froh, dass sie nicht mehr durch das Wasser müssen, sondern eine Mitfahrgelegenheit zum Übernachtungsplatz am Fluss erhalten.

Unterwegs durch das Cathedral Valley

Das Cathedral Valley liegt recht abgeschieden, deshalb begegnen wir während diesen drei Tagen kaum jemandem. Für uns ist die Schotterpiste keine Herausforderung, aber ein riesen Spass. Es geht durch ausgetrocknete Flussbetten, holprige, trockene Flussläufe, über Wellblech und einige Serpentinen. Die Landschaft ist atemberaubend. Unzählige Sandsteinmonolithen, -spitzen und -wände ragen aus der sandigen Ebene empor und präsentieren sich sehr fotogen. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Wir geniessen die Stille und Einsamkeit. Die orange-rötlich geformten Felsmonolithen ähneln gotischen Kathedralen, tragen klangvolle Namen wie „Temple of the Sun“ oder „Temple of the Moon“ und versetzen uns ins Staunen.

Diese Monolithen sind heute deshalb hier, weil ihre Zusammensetzung widerstandsfähiger gegen Erosion ist und langsamer zerfällt. Dreck und Material von schwächerem Gestein, die sie umgeben, wurde vor langer Zeit abgetragen und die Erosion hat diese Kathedralen und Gebilde regelrecht herausgeschnitzt.

In der Abendsonne glitzert und funkelt ein kleiner exponierter Hügel. Je näher wir kommen, umso mehr funkelt es, als hätte jemand unzählig viele Glasscherben hier entsorgt. Der sogenannte „Glass Mountain“ besteht aus Selenit-Kristallen. Selenit ist Gips in einer hochreinen, kristallinen Form und schaut aus wie transparente, farblose Glasscherben. Gips ist in dieser Gegend weit verbreitet und kommt in den Sedimentgesteinen vor. Der Glasberg entstand im Untergrund durch den im Grundwasser gelösten Gips, der während dem Verdampfen des Wassers langsam zu kristallisieren begann. Durch Erosion ist dieser Glasberg heute an der Oberfläche sichtbar.

Wir fühlen uns wohl hier, fernab von jeglichem Trubel und Internetempfang und erfreuen uns an der sagenhaften Natur. Ein Blick auf die Nationalpark-Karte zeigt uns, dass es im südlichen Teil nochmal eine längere Piste mit vielversprechenden Wanderungen gibt. Einen kurzen Abstecher ins Visitor Center um entsprechende Wanderbeschreibungen und Kartenausschnitte abzuholen, wirbelt unser Vorhaben einmal mehr durcheinander. Einen Kälteeinbruch mit heftigem Regen und in den höheren Lagen Schnee wird auf uns zukommen. Vor uns geht es nochmal über 2000müM, also richtig in die Berge. Wir entscheiden uns, auf die abgelegene Piste mit den herrlich klingenden Wanderungen zu verzichten und zügig, bevor der Schnee kommt, in den Bryce Canyon Nationalpark zu fahren.

Vor uns liegt der heiss angepriesene Highway 12 mit einer spannenden und traumhaften Landschaft. Durch Zufall treffen wir aber abseits auf eine weniger bekannte, für uns unglaubliche Perle und egal wie die Schneeprognosen sind, da wollen wir Zeit verbringen.

Was uns total in den Bann gezogen hat, schreiben wir im nächsten Bericht. Also, seid gespannt!

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Ursy Theiler
Ursy Theiler
2. Februar 2020 23:40

Hallo Carissimi, … und wieder einen traumhaften Bericht, grandiose Bilder… endlose Überraschungen!
1000 Dank ! Mit besten Wünschen auch für die Zukunft und vielen herzlichen Grüssen Ursy und Christoph

Godel Walter und Ursula
Godel Walter und Ursula
28. Januar 2020 20:27

Liebe Fränzi, lieber Tobi

Danke für den neuesten Reisebericht.
Um solche Informationen zu erhalten müssten wir wohl ein Profi-Geschäft
aufsuchen. Würden wir da auch so bedient wie durch euch beide?
Fantastisch – spannend – und sehr bildend.
Geniesst diesen schönen Lebensabschnitt weiter und lasst uns noch eine
Weile verwöhnen und berieseln mit Schönheiten aus der Ferne.

Liebe Grüsse
Walti und Ursi

Michael
Michael
23. Januar 2020 21:06

Wunderschoen erlebt und beschrieben. Waere gerne dabei gewesen, war es in Gedanken auch. Vielen, herzlichen Dank. Weiterhin viel Vergnuegen.