Nässetest und eisige Winde – Ankunft in Nova Scotia und New Brunswick

Manny auf hoher See

Fast hüpft Manny von der einen Fähre auf das nächste grosse Schiff. Dazwischen liegen einige Fahrkilometer, Aufräumen, Ausmisten und eine Grundreinigung. Letzteres ist gar nicht so einfach mit ständig eisig kalten Händen und dem überall, wirklich bis in die hinterste und unterste Ecke, angesammelten Sand. Mal klebt er in einer dicken Schicht und dann wirbelt es ihn wieder von einem Ort zum nächsten. Ja, wir haben geputzt und geputzt, bevor wir Manny in Seebrügge in Belgien am Hafen parkieren und ihm eine gute Überfahrt in den Westen wünschen.

Schweizer Luxus im Heimaturlaub

Während Manny auf hoher See auf und ab schaukelt, besuchen wir Familie und Freunde in der Schweiz. Wir pendeln zwischen Zürich und Luzern hin und her und geniessen die vielen schönen Momente mit unseren Liebsten.

Herzlichen Dank für die vielen Einladung zu leckerem Essen und gemütlichen Stunden, das Überraschungsznacht und den Brunch in Hildisrieden, das Fondue im Wald, Spaziergänge am See und auf dem Ruswilerberg, die besten Mami-Spaghetti, das Kiki fahren wie Posy, Spielenachmittage mit den Kindern und ihren Müttern, die beste Kindergeburtstagsparty, Bier und Schnitzel in der Metzgerhalle und im Frieden, SIPS, 2x Stamm innerhalb zwei Wochen, Bar Berlin und vieles mehr… Ihr seid die Besten!

All diese Begegnungen sind für uns Schweizer Luxus und den werden wir auch in Zukunft vermissen.

Ab in den Westen

Mit Marokko endete ein Abenteuer, aber das nächste ist bestimmt nicht weit weg. Start ist Halifax, der kanadische Hafenort, an dem viele Overlander ihren Nordamerika- oder sogar Panamericana-Trip beginnen.

So auch wir. Pünktlich erreicht das Schiff den Autoport und unser trautes Heim setzt zum ersten Mal seine Räder auf den nordamerikanischen Kontinent. Ob es Manny hier gefallen wird?

Nachdem unterwegs sein in Marokko, ist die erste Etappe Kanada etwas völlig anderes. An jeder Ecke gibt es gut bestückte Supermärkte, zäher Honig zum Frühstück und die Heizung läuft auch als Trocknungsanlage der nassen Kleider, Tücher, Schuhe…

Aber erst mal langsam, alles der Reihe nach.

Wer hat die längsten Finger?

Kurz vor Mitternacht landen wir in Halifax. In der Schweiz spriesst der Frühling und wir badeten unsere braungebrannten Arme aus Marokko in der Sonne.

Hier liegt Schnee auf der Landebahn und gigantische Flocken fallen vom Himmel. Bei Karen und Roger klimatisieren wir uns langsam an und warten darauf, Manny am Hafen abholen zu können. Die Vorfreude, unser rollendes Zuhause wieder zu sehen, ist riesig.

Mit Tausenden von Neuwagen steht er am Hafen. Ein Meer aus Autos. Nur wenn man genau weiss wohin man schauen muss, tanzt er mit seinen inzwischen 30 Jahren etwas aus der Reihe. Seine Geburtstags-Party durfte er übrigens auf dem Schiff mit all diesen Neuwagen feiern.

Wir inspizieren Manny und stellen schnell fest, dass dieses Mal die Zollbeamten wohl nicht nur mit den Augen schauten, sondern regelrecht die Kästchen durchwühlten. Leicht verärgert machen wir uns ans Aufräumen und bemerken, dass hier nicht der Zoll, sondern Langfinger mit viel Zeit ihr Unwesen getrieben haben. Sie stopften alles Mögliche in ihre und viele weitere Taschen. Jedes Kästchen, jeder Reissverschluss und jedes Geheimversteck wurde geöffnet, mit den Fingern umhergerührt, geplündert und ein Chaos angerichtet.

Ein beklemmendes Gefühl sitzt in der Magengegend…

Das Durchwühlen verdauen

Wir sind mit den für uns nötigsten Gegenständen und etwas persönlichem Luxus losgezogen, leben einfach und haben nicht mehr als wir brauchen. Fast das gesamte Hab und Gut haben wir bei der Wohnungsauflösung verschenkt, weitergegeben oder am Flohmi verkauft und jetzt haben sich auch noch Räuber bedient.

Tja, unsere Schränke sind ab heute nur noch halb voll. Querbeet haben sie Dinge mitgehen lassen: Ausrüstung, elektronische Geräte, Kleidung, Gebrauchsgegenstände und Erinnerungsstücke, die man Zuhause einfach so hat wie beispielsweise ein Magnet von Emma, ein afghanischer Schal aus Ischkaschim oder einen Anhänger von Freunden aus Ischia.

Nachdem das Übriggebliebene wieder sorgfältig am ursprünglichen Örtchen versorgt ist, verschwindet das unangenehme Gefühl langsam und das durchgewühlte Chaos ist fast verdaut.

Wir stempeln das Ganze als Pech ab. Bis jetzt haben wir echt den Jocker gezogen, sind vom Glück begleitet und unendlich glücklich über unser gewähltes Leben. So werden wir nun wohl vermehrt eine Waschmaschine ansteuern, mit der Bastelschere die Haare schneiden, auf Parfum verzichten, gratis Zeitschriften und Broschüren lesen und uns auf einen Shoppingtag einstellen, wenn der Sommer kommt.

Pech, dass so viel Material abhandengekommen ist. Glück, dass Manny nicht auf dem Meeresgrund liegt und wir wohlauf sind.

Ein Tag Sonne, sieben Tage Regen

Manny ist beladen und reisefertig. Unser Tatendrang inzwischen riesengross.

In den Highlands liegt Schnee und das Thermometer zeigt für die nächsten Tage tiefe Temperaturen an. Also entscheiden wir uns, erst an der Südküste von Nova Scotia entlang zu fahren. Wie bereits bekannt, lieben wir Strandstrassen: Kleine, hübsche Dörfchen mit gepflegten, farbigen Häuschen mit Meerblick, auf deren Veranden gemütliche Schaukelstühle stehen, die aufkommende Sommernächte warten. Lobsterkörbe am Wegrand und Fischerboote im Hafen oder auf See verheissen Gutes.

Wir machen da einen kleinen Spaziergang an der Küste oder bestaunen dort einen Leuchtturm. Die Meeresbrise liegt in der Luft, zerzaust Haar und zerrt an der Kleidung. So sind wir derzeit wohl die einzigen Touristen im Camper an der Nova Scotia South Shore. Wo immer Manny steht, erregt er Aufmerksamkeit und wird bestaunt. Die Leute sind unglaublich interessiert und freundlich. Dadurch kommt es zu manchen Plauderstündchen auf irgendeinem Parkplatz.

Die Tage sind aber mehrheitlich von nassem und kaltem Wetter geprägt. Nebel verschluckt die Küste, Kirchturmspitzen und die wahrscheinlich prächtige Aussicht.

Akadien, einst eine französische Kolonie

Französische Pioniere siedelten sich im Jahr 1605 im Annapolis Valley an und Nova Scotia, eben einst Akadien genannt, gehörte manchmal zu Frankreich und dann wieder zu England. Schliesslich wurden alle Akadier, die keinen Eid auf die britische Krone leisten wollten, von den Briten verjagt, deportiert und das Land im Annapolis Valley an britische Farmer vergeben.

Frankreich verliert den Siebenjährigen Krieg.

Nach dem Kriegsende 1763 kamen einige Akadier zurück, mussten sich aber direkt an der Küste ansiedeln und deshalb die Landwirtschaft aufgeben. So wurden sie Seeleute. Dieser Küstenabschnitt nennt man deshalb auch French Shore. An vielen Fahnenmasten hängt die Stella Maris (Stern des Meeres) auf der französischen Trikolore.

Diese Flagge der Akadier und die Französische Sprache sind hier allgegenwärtig. Theater, Bäckereien, eine französische Uni und viele katholische Kirchen entdecken wir in dieser Gegend. Aber klar, Akadier gibt es nicht nur an diesem Küstenstreifen. Die Stella Maris sehen wir an vielen weiteren Orten. Obwohl es nass ist und die Temperaturen tief bleiben, werden wir immer wärmer mit Kanada.

Wir stehen an wunderschönen Stränden, finden Muscheln und Schwemmholz, beobachten Enten und Möwen und besuchen Leuchttürme.

Matsch und Piste

Sich im Sand festzufahren, ist anders. Luft ablassen, etwas Schaufeln und weiter gehts. Zumindest bei unseren Sanderfahrungen. 😉

Manny merkt schnell: offroad hier ist anders. Die Pisten sind schlammig und das Festfahren nicht mehr so einfach gelöst.

Also steigen wir öfters in die Wanderschuhe und stapfen zu Fuss durch den Sumpf, balancieren über dünne Baumstämme, hüpfen von Stein zu Stein und angeln uns an den Ästen entlang, um nicht knietief im Matsch zu versinken. Immer gelingt es nicht und je mehr Strecke hinter uns liegt, umso egaler werden uns die Pfützen, Taubäche und der Schlamm. So erkunden wir viele kürzere und länger Trails.

Kein Accessoire ist dabei die Regenjacke. Nein, diese ist stets in Gebrauch, denn wenn es nicht regnet, dann bläst ein eisiger Wind. Die Natur haben wir meistens für uns alleine und so beobachten wir an vielen Orten die tapferen Möwen auf den Klippen, denen der starke Wind unter den Flügel hindurchpustet.

Ein beeindruckendes Naturschauspiel erleben wir am Cape Split. Es wird gerade Ebbe und wir sehen und hören, wie sich das Wasser aus dem Minas Basin zurückzieht. Dadurch sieht das Meer hier viel mehr wie ein wilder Fluss aus.

Die beeindruckende Küste der Bay of Fundy

Wir hätten nicht gedacht, dass diese Bucht uns so fesselt. Täglich ziehen zweimal gigantisch viel Wasser in die Bucht und wieder ab. Genau genommen sind es einhundertsechzig Milliarden Tonnen Meerwasser, welches hinein und wieder hinaus fliesst und das zwei Mal während 24 Stunden und 49 Minuten.

An den Zuflüssen beobachten wir ein interessantes Phänomen. Die braunen Flussbetten sind tief ausgekerbt und je nach Gezeit fliesst das Wasser ins Meer oder das Meer füllt das Flussbett auf und lässt den Fluss bergauf fliessen. Also ein ständiges hin- und herschieben von Wasser und Schlamm.

Wir geniessen es am Abend mit Sturm die Flut zu beobachten und am nächsten Morgen bei Ebbe am Strand umherzulaufen. Der Tidenhub ist bis zu 16m hoch! Dieser massive Unterschied ist bei den rundlichen, blumenkohlartigen Felsen (Hopewell Rocks) besonders eindrücklich zu sehen. Bei Ebbe spazieren wir auf dem schlammigen Meeresboden um die gigantischen Felsformationen. Man könnte dabei fast die Zeit vergessen, aber die Flut ist im Anmarsch und füllt die Bucht mit Wasser auf. Der Meeresboden verschwindet und nur noch die grössten Felsspitzen ragen aus dem Wasser. Mit dem Kajak könnte man um diese Inseln paddeln, aber noch ist nicht die passende Saison dafür.

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Godel
Godel

Liebe Fränzi, lieber Tobias
Wir sind froh, dass ihr beide den Weg mit Manny wieder begehen könnt. Schade, dass solche Unannehmlichkeiten geschehen müssen.
Die Abhärtung für ungeahnte Fälle und mit Lösungen umzugehen ist eure Stärke. Bravo!!!
Es freut uns umso mehr, als optischer Begleiter eurer Aktivitäten erneut teilnehmen zu dürfen.
Wir wünschen euch das Finden zur „Normalität“ und werden mit Spannung die grosse Reise weiter mit den fantastischen ins Haus gelieferten Bildern geniessen.
Liebe Grüsse aus Meisterschwanden.
Ursi und Walti

Michael
Michael

Eine wunderbare Beschreibung Eurer Abenteuerfahrt. Herzlichen Dank für die herrlichen Aufnahmen. Ich wünsche Euch wärmeres Wetter auf der Weiterfahrt.