Kirgistan

14.05. - 10.06.2014
27 Nächte
2'833 km

Die „Schweiz Zentralasiens“

In den zwanzig Kilometer durch das Niemandsland zwischen dem tadschikischen und kirgisischen Grenzposten verlassen wir die Hochebene und kommen den grünen Wiesen, Sträuchern und Büschen, ja sogar Bäumen wieder näher. Unglaublich wie schnell wir das Grün vermissten. Umso mehr freuen wir uns, es nach dem unkomplizierten Grenzübertritt nach Kirgistan wieder anzutreffen. Die Strassen sind so gut, dass man wieder grössere Distanzen zurücklegen kann. Aber Manny kommt über die unzähligen Hügel und Pässe stets gemächlich voran. Er kämpft sich mit 30 km/h auf die Spitze und ist danach für eine Beschleunigung bereit. Da 94% der kirgisischen Landfläche gebirgig ist, wiederholt sich sein Verhalten wahrlich oft. Bei diesem bedächtigen Fahrtempo bleibt Zeit die weiten grünen Hügel, die schneebedeckten Gipfel und die wilde Natur zu geniessen. Immer wieder begegnen uns freilaufende Pferde, Jurten und ab und zu Reiter.

Kirgistan, das seit 1991 unabhängig ist, erinnert uns landschaftlich an die Schweiz. Auch die täglichen Temperaturschwankungen sind ähnlich wie in den heimischen Bergen. Wir erleben sekundenschnelle Wetterumbrüche von trockener, warmer Luft hin zu Schnee-, Hagel-, Regen- und Sandstürmen. Dennoch bietet Kirgistan etwas Ursprüngliches und Unverfälschtes. Nach der zwanghaften Sesshaftigkeit während der Sowjetzeit zieht es heute einige Kirgisen wieder als Nomaden zurück in die Berge. Ihr Zuhause ist die Jurte und majestätische Pferde sind ihr Besitz. Diese Pferde haben sich an die rauen Bedingungen angepasst und die Nomaden sind wahre Meister im Reiten. Wer aber den Weg zurück in die Berge nicht auf sich nimmt, setzt seine Pferde für verschiedenste Arbeiten und als Transportmittel ein.


Kirgisisches Fergana-Tal

Mit viel Vorfreude auf eine warme Dusche, ein kühles Bier und die im Lonely Planet beschriebene Pizzeria erreichen wir Osh, die zweitgrösste Stadt Kirgistans. Nach den Tagen im Pamir Gebirge lassen wir unser liebstes Zuhause alleine auf einem Parkplatz zurück und quartieren uns in einem Guesthouse ein. Etwas Überrumpelt von dem vorhandenen Luxus wie Waschmaschine, Ventilator und einer Auswahl an Früchten und Gemüse brauchen wir eine kurze Anpassungszeit.

Wir treffen auf altbekannte Freunde, mit denen wir in Tadschikistan unterwegs waren. Gemeinsam ziehen wir in der grünen, überschaubaren Stadt um die Häuser. Nach drei Tagen Rummel in der Stadt zieht es uns zurück in die Natur. So fahren wir entlang der usbekischen Grenze Richtung Norden zum Sary-Chelek Bergsee. Auf 1’878 müM zeigt sich der wunderschöne, durch ein Erdbeben entstandene, See. Nur ein paar mutige Kirgisen wagen sich in das kalte Wasser. Für uns ist das nichts. Einzig Manny muss auf die Zähne beissen, denn er erhält eine kalte Dusche. Als die tadschikischen Sandkörner alle weg sind, kommt Mannys tatsächlicher Glanz wieder zum Vorschein.

Die Weiterreise soll uns durch das bergreiche Herz von Kirgistan führen. Uns ist bewusst, dass wir für diese abenteuerliche Route vielleicht noch etwas früh sind. Schliesslich liegt noch ziemlich viel Schnee und wir haben einige Pässe zu passieren. Aber ein Versuch ist es wert. Bei Jalal-Abad ist auf unserer Karte die Abzweigung der entsprechenden Strasse eingezeichnet. Entlang des Flusses steigen wir das Tal empor. Sobald die Umgebung kleine ebene Flächen aufweist, finden wir Felder, die von Kleinbauern bewirtschaftet werden oder Pferde-, Schaf- und Ziegenherden.

Nach einer Tagesfahrt auf einem anspruchsvollen, matschigen, teilweise steilen Fahrweg stehen wir vor einem Felssturz. Der Fahrweg ist wortwörtlich weggeschwemmt, im Fluss verschwunden und mit Steinen bedeckt. Lokale Leute meinen, dass wir unser Glück vom Fergana Valley Richtung Nordosten im Nachbartal versuchen sollen. Der Regen macht die Fahrt zurück nicht einfacher. Aber Tobi meistert dies mit Bravur. Nur bei Manny hat der Ausflug in das Tal Spuren hinterlassen. Schlamm, Dreck und Sand lassen ihn wieder aussehen wie ein Ferkel.

Neuen Mutes und kurz von Sonnenschein begleitet, kurven wir entlang des Flusses das breite Tal hinauf. Die Gegend ist belebter als einen Tag zuvor. Kornfelder, bepflanzte Ackerflächen und blühende Obstbäume befinden sich um uns herum. Als wir nach einigen Kilometern den ersten Blick hinter die Hügelzunge werfen können, erscheint der verschneite Pass. Nur wenige Meter vor uns liegt eine hohe Schneewand. Die Weiterfahrt ist unmöglich. Demzufolge werden wir unsere Reisepläne etwas Anpassen. Wir errichten unser Nachtlager am Fluss. Von einem Hagelsturm und Gewitter überrascht, kommen wir schnell zur Entscheidung zuerst einige Tage in die Hauptstadt Bishkek zu fahren und dann später in die Berge zurückzukehren.


Bishkek

Der Weg in die Hauptstadt ist trotz guter Strasse und toller Aussicht anstrengend, kurvenreich und für Manny oft aufgrund der Steigungen beschwerlich. Selbst das auf 3000 müM erbaute Tunnel kommt Manny nur ein wenig entgegen, denn bis dahin pustet er minutenlang schwarzen Qualm aus dem Auspuff und lässt sich ohne zu zögern von kirgisischen Lastwagen überholen. Zu guter Letzt fängt er sich auch noch eine Schraube im linken Hinterrad ein, was uns zum Radwechsel zwingt. Kurz vor Bishkek machen wir die ersten Bekanntschaften mit Polizisten. Einmal sollen wir mit Licht, dann wieder ohne Licht fahren, selbst bemalte Strassenschilder sind einzuhalten und wenn auch Einheimische doppelte Sicherheitslinien ohne zu zögern überfahren, Ausländer dürfen dies nicht…

Müde von der langen und abwechslungsreichen Fahrt kommen wir gegen Abend in der belebten Stadt an. Bishkek, ursprünglich eine Karawanenstadt an der Seidenstrasse, zeigt sich uns als moderne, ruhige und grüne Stadt. Allerhand an Leckereien wie Fleisch, eine Auswahl von frischem Gemüse und Früchten sowie Müesli finden wir. Zudem erhält Manny ein 50 cm langes, neues Auspuffrohr und all seine Buschreparaturen werden professionell geflickt und geschweisst.


Zentralkirgistan

Mit dem geflickten Manny geht es wieder zurück in die Berge: weg vom sommerlichen Wetter in Bishkek, hinauf auf 3000 müM zum Song-Köl See. Während der Fahrt träumen wir von einem wunderschönen Platz am See, Zeit zum Fischen und Reiten. Nach dem Sommergewitter richten wir uns gemütlich am Seeufer ein, öffnen das Hubdach, doch das will einfach nicht offen bleiben. Was ist hier bloss los? Es sieht aus als wäre einen Stossdämpfer kaputt. Der ausgemalte Traum für die folgenden Tage ist geplatzt. Wir brauchen dringend Internet um bei Tom’s Fahrzeugtechnik um professionellen Rat zu fragen. Mit angespannter Stimmung und ins Gesicht geschriebener Enttäuschung rasen wir ein bezauberndes Tal hinunter nach Naryn. Dank der Zeitverschiebung erreicht unser Mail Tom noch vor Feierabend. Wir erhalten die nötigen Infos: Die Stossdämpfer müssen definitiv ausgetauscht werden!

Die Internetverbindung ist schlecht, dass wir kaum etwas recherchieren können. Wir entscheiden uns zwei Stossdämpfer von Deutschland nach Almaty in Kasachstan senden zu lassen. Auf Grund eines Feiertags und Wochenende verstreichen wertvolle Tage einfach so dahin. Zudem hält uns einen Dauerregen im Manny gefangen. Spiele machen, im Internet versuchen zu surfen und lesen ist unser Zeitvertreib. Innerhalb einer Woche kriegen wir es hin, alles unseren Wünschen entsprechend zu regeln. Kaum erhalten wir die Sendebestätigung unseres Paketes aus Deutschland, kommt endlich mal wieder die Sonne in Naryn zum Vorschein. Wir erkundigen uns beim lokalen Touristenbüro über den Strassenzustand der geplante Fahrt durch die Berge zum Issyk-Köl See. Die entsprechende Strasse soll schneefrei und mit Manny ohne Problem befahrbar sein.

Wir geniessen es wieder unterwegs zu sein. Nach knapp 100 Kilometern ist de Strasse nicht mehr ganz so einfach zu befahren, wie sie uns in Naryn beschrieben wurde. Teile der Strasse sind weggeschwemmt und wir müssen einen Fluss mit steiler Böschung furten. Wenig später muss während einer Stunde ein Loch mit Steinen aufgefüllt werden, damit Manny passieren kann. Was wäre dies bloss für ein Abenteuer, wenn nicht gleich das nächste Hindernis folgen würde?

Zwei Schneefelder liegen vor uns. Nach langer Inspektion haben wir eine befahrbare Stelle gefunden. Schon leicht erschöpft von den Adrenalinschüben und dem ständigen Entscheiden wie weiter, stehen wir vor einem Felssturz. Hinauf und runter, hinüber und zurück klettern wir über die Steine. Jeden Winkel suchen wir ab, aber es gibt kein Durchkommen für Manny. Also heisst es umkehren und die Hindernisse nochmals zu überqueren. Am meisten Bammel haben wir vor dem steilen Ufer nach dem Furten des Flusses. Ob das Manny wohl schaffen wird?

Vergeblich suchen wir nach Alternativen. Es gibt keinen anderen Weg. Während Fränzi im eiskalten Wasser den exakten Weg auskundschaftet, grosse Steine umplatziert und sich fast die Füsse abfriert, konzentriert sich Tobi auf das Bevorstehende. Der erste Versuch scheitert. Manny kommt gerade mal mit den Vorderrädern aus dem Wasser. Vielleicht hilft Anlauf… Ein paar Versuche später schafft es Manny dann mit der Geländeuntersetzung doch noch. Erschöpft suchen wir uns bei den Murmeltieren einen Platz zum Übernachten. Vom Schnee überrascht erwachen wir am anderen Morgen. Die Fahrt geht nun mit einem grossen Umweg zum Issyk-Köl See. Dabei treffen wir auf riesige Yakherden, die uns nach dem dritten in Kirgistan unbefahrbaren Weg total aufmuntern.


Issyk-Köl und Tian Shan Gebirge

Nach dem südamerikanischen Titicaca-See ist der im Tian Shan Gebirge liegende Issyk-Köl der zweitgrösste Bergsee der Welt. Wird der Name Issyk-Köl übersetzt, heisst der kirgisische Bergsee „heisser See“. Die Kombination der extremen Seetiefe, den warmen Quellen am Seegrund und des Salzgehaltes führen dazu, dass der See trotz Minuslufttemperaturen im Winter nie gefriert. Der See lockt Touristen zum Baden an, aber die Temperaturen für das Badevergnügen sind aus unserer Sicht noch zu niedrig. Wir geniessen die einmaligen Ausblicke auf die grasbewachsenen Hügel, die von schneebedeckten Bergen überragt werden und fahren mit Manny am Südufer entlang nach Karakol.

Trotz miserablem Wetter lassen wir uns das sonntägliche Spektakel des Tiermarktes nicht entgehen. Obwohl Tobi beim Erwerben eines Schweins wahrscheinlich in grösster Versuchen gewesen wäre Fränzi dagegen einzutauschen, um endlich mal wieder Speck geniessen zu können, hatte sie Glück gehabt, nach wie vor in einem muslimischen Land zu sein… Die Händler preisen Ziege, Schafe, Kühe und Pferde an. Der doch etwas besondere Markt lockt diverse Reisende an. Wir nutzen diesen Treffpunkt um Geschichten und Informationen auszutauschen. Nach einem guten Laghman sind wir gestärkt und bereit die kleine Stadt ein wenig kennenzulernen.

Aufgetankt mit neuen Vorräten und unvergesslichen Bekanntschaften fahren wir entlang der malerischen Südküste des Issyk-Köl Sees nach Jeti-Öghüz. Eindrucksvolle rote Sandsteinformationen prägen das Hochtal. Wir erklimmen das Tal der Blumen. Aber für die kaleidoskopische Farbenpracht sind wir etwas zu spät. Der Wind treibt bloss noch verwelkten Löwenzahn über die grüne Ebene. Nach einer grossen Jurtensiedlung trauen wir dem nassen, matschigen Untergrund nicht mehr so ganz uns suchen in mitten des Waldes ein Plätzlein für Manny. Zu Fuss geht es entlang des Flusses weiter. Auf alten Moränen gedeiht ein üppiger Fichtenwald, überall wuchern Vogelbeersträucher und zwischendurch treffen wir auf eine grasende Schafherde.

Über das Karkara Tal gelangen wir zur kirgisisch-kasachischen Grenze. Während wir über das bedeutsame Milchwirtschaftsgebiet kurven und neben Kühen und Schafen keiner Menschenseele begegnen, taucht wie aus dem Nichts MASHIN auf…

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