Ist bei dir eine Schraube locker? – Fahrt durch den Anti-Atlas

Im Kriechgang durch die Landschaft gurken

Wir lieben es offroad unterwegs zu sein. Klar ist, Adrenalinkicks sind garantiert. Es ist abenteuerlich und ein ständiges Auf und Ab. Nervenkitzel, Anspannung und Stimmungsschwankungen gehören beim Unterwegssein in der Pampa einfach dazu.

Etwas vom Besten kommt aber meist zum Tagesabschluss. Wir stehen alleine irgendwo im Nirgendwo mit der schönsten Landschaft ganz für uns. Nach der windigen Zeit und den Asphaltstrassen in der Westsahara haben wir genau darauf Lust! Abseits vom Winterrückzugsgebiet der Europäer, also entfernt von jeglichen Strassen, einfach an der Küste entlang ziehen und schauen wo es uns besonders gefällt.

Mit unserer Pistenwahl haben wir jedoch wenig Glück. Erst Wellblech und dann säumen etliche grobe Steine den Weg. Also eine Holperpiste mit spitzen Kanten und Geröll. Umsichtiges Fahren im Schritttempo, lautes Dröhnen, Lärm, Anspannung und da und dort eine lockere Schraube, die meisten bei Manny, fallen nach Fahrfeierabend auf. Belohnt werden wir aber von kleinen goldigen Sanddünen, Eidechsen, einem entspannten Spaziergang und einer sternenklaren Nacht.

Der Steilküste entlang zum Plage Blanche

Am Morgen werden alle offensichtlich rausgefallenen Schrauben festgemacht, bevor es zu dem schroffen Küstenabschnitt weitergeht. Im Schneckentempo erreichen wir die Mündung des Drâa und den Atlantik. Ersteres lässt Erinnerungen aufkommen. Bereits viele Kilometer entlang oder im trockenen Flussbett des Drâa haben wir erkundet. Tolle Offroadtouren und Spaziergänge gemacht, herrliche Übernachtungsplätze und viele Dromedarbesuche gehabt.

Jetzt holpern wir an der Küste weiter, nicht nur über Steine, sondern auch über zahlreiche Muscheln und Schneckenhäuser. Der Boden glänzt weiss und blendet wie Schnee.

Manchmal begegnen wir einfach gezimmerten Fischerhütten. Der feste Unterschlupf ist aus dem gebaut, was das Meer anspült, vor allem Treibholz und Plastik. Diese Resten werden mit einem Fischernetz umwickelt, zusammengehalten, und fertig sind die Aussenmauern und das Dach des Hauses.

Hurra, der Frühling ist da!

In der Ferne tauchen grosse, weisse Dünen auf. Ein steiler Pfad führt hinunter zum Plage Blanche. Wenn die Gezeiten berücksichtigt werden, kann man auf der ebenen, glatten Oberfläche des Strandes entlangfahren.

Schon vorgängig haben wir uns jedoch entschieden, dass wir nicht direkt auf dem Strand fahren möchten. Unserem alten Freund Manny wollen wir diese Unannehmlichkeiten ersparen und seinen rostigen Hintern nicht noch extra dem Salzwasser aussetzen. Darüber hinaus ist es ein Spiel gegen die Zeit. Bleiben wir im Sand stecken, wird es unangenehm, wenn wir uns nicht rechtzeitig vor der nächsten Flut befreien könnten.

Die Natur entlang des weissen Strandes ist genauso magisch. Erste Blümchen beginnen zu blühen und bringen etwas Farbe auf den staubigen Boden. Es scheint, als komme der Frühling.

Der Essenskasten im Manny ist leer

Wir kosten jede Minute an den Orten in der Natur, die uns besonders gut gefallen, aus. So kommt es, dass die Vorräte rarer werden und wir beim Kochen etwas Experimentieren. Also ist plötzlich Couscous (mit Schoggipulver) zum Frühstück auf den Tisch und die Notration Tomatenspaghetti wird ebenfalls herzhaft gefuttert. Letzteres ist ein Zeichen, dass wir schleunigst mal grosszügig Einkaufen sollten!

Nachdem wir nun seit Wochen mit Freude auf dem Markt einkaufen, führt uns der Weg wieder mal in einen grossen Supermarkt. Die Produktauswahl ist gigantisch und wir wohl die langsamsten Einkäufer. Völlig vergessen haben wir tatsächlich wie anstrengend das ständige Entscheiden und Auswählen beim Einkaufen ist. Ja, wir sind mit Hunger durch den Laden gekurvt und mit einem vollen Einkaufswagen herausgekommen.

Zurück bei Manny erkennen wir schnell, dass dies nie und nimmer im Essenskasten Platz hat. Geheimverstecke z.B. in den Schuhen oder hinter dem Feuerlöscher werden beansprucht, auf dem Parkplatz zu picknicken und uns durch alles Leckere durchzuprobieren sowie alle Produkte aus den unnötigen Verpackungen zu nehmen, hilft nur halbwegs. Wohl erkennen wir nach diesem Einkauf, dass wir eine Schraube locker haben…

Hüglige Achterbahn

Auf bester Teerstrasse geht es in die Berge, ein Paradies an Kurven.

Wir ziehen durch den Anti-Atlas, die südlichste Gebirgskette von Marokko. Hier zeigt sich eine andere Umgebung. Täler, Schluchten, enge Gassen durch Dörfer und einfach eine atemberaubende Landschaft. Manchmal verläuft die Strasse durch das trockene Flussbett im Tal und klettert später über enge Serpentinen nach oben. Ab und zu tauchen Oasengärten und Palmenhainen auf. Die grün bewirtschafteten Felder leuchten kräftig im Kontrast zu den Lehmhäusern und bräunlichen Bergen.

Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Anti-Atlas ist für uns ein herrliches Gebirge und lässt sich kaum beschreiben. Ein Versuch die Gebirgskette mit Worten zu malen: Es sieht aus, als hätte jemand mit einem riesigen Schwingbesen elegant und schwungvoll durch die bräunliche Gesteinsmasse gerührt, dabei in verschiedenen Brauntönen Schichten hinterlassen und alle Erhebungen eher rundlich geformt oder abgelutscht.

Besuch bei Wolfi…

Verena und Wolfi haben uns bereits vor Wochen von der Gegend um Tafraoute vorgeschwärmt. Schon die Anfahrt versetzt uns immer wieder ins Staunen. Die Vegetation beginnt zu wachsen; Palmen, Büsche, Arganien und die ersten weiss oder rosa blühenden Mandelbäume. Faszinierend sind die Granitfelsen, welche durch Wind und Erosion in bizarre, runde Formen geschliffen wurden. In dieser imposanten Berglandschaft im westlichen Anti-Atlas liegt Tafraoute.

Noch fahren wir das Bergdorf auf rund 1000 müM nicht an, denn wir peilen schnurstracks Amigos Übernachtungsort bei den blauen Felsen an. Gross ist die Wiedersehensfreude mit Wolfi. Verena ist für ein paar Wochen zurück nach Österreich geflogen. Kräftig wird geholzt und beim Lagerfeuer Erlebnisse, Momente, Geschichten und Erfahrungen ausgetauscht.

… und den blauen Felsen,…

1984 malt Jean Vérame einige Granitfelsen wenige Kilometer ausserhalb von Tafraoute blau an. Ein Farbtupfer in der Landschaft, welcher viele Touristen anzieht. Wer sich mit seinem Wohnmobil in die Landschaft getraut, stellt sich da mit den vielen selbstgebastelten Karren, Reiselastwagen und Vans zwischen die Felsen. Ab und zu kommt es in der speziellen Szenerie zu einer spontanen Technoparty.

Die tolle Umgebung trifft genau unseren Geschmack und wir könnten hier ewig stehen bleiben. Beim ersten Blick am Morgen aus dem Manny auf die Landschaft, verspüren wir einen starken Erkundungstrieb und wir geniessen es einfach zwischen den Felsen herumzulaufen, zu kraxeln und die bizarren Formen von allen Seiten zu bestaunen. Wir können uns kaum satt sehen, verweilen und lassen die Seele baumeln.

… wo wir verweilen.

Die Umgebung erstrahlt in unterschiedlichstem Licht. Ganz besonders ist es natürlich, wenn die untergehende Sonne ihr Farbenspiel entfaltet.

Das Wetter ist sehr wechselhaft. So haben sich mal Wolken an den umliegenden Bergen gesammelt, starker Wind pfeift um die Ohren und frühmorgens werden wir von Minusgraden überrascht. Deshalb kommt es auch, dass wir seit langem mal wieder einfach einen Tag zuhause bleiben.

Nach mehr als einer Woche bei den blauen Felsen beschliessen wir aufzubrechen. Holz für ein gigantisches Lagerfeuer wird gesammelt und wir zünden es bereits beim Nachmittagskaffee mit Wolfi an. Dieses Feuer ist der krönende Abschluss der tollen Zeit mit ihm. Jetzt trennen sich unsere Wege ein zweites Mal. Das nächste Wiedersehen wird wohl einige Jahre dauern…

Tafraoute

In Tafraoute ist ganz schön was los. Der Tourismus hat Einzug gehalten, hunderte von Camper tummeln sich am Stadtrand.

Auf dem Wochenmarkt kaufen wir frisches Gemüse und wie immer dürfen die zwei Kilo Mandarinen nicht fehlen. Die schmecken hier in Marokko einfach so lecker.

Auf einer tollen Bergpanoramastrasse verlassen wir die Region und geniessen noch einmal die blühenden Mandelbäume, die Schluchten, Kurven und die Speicherburgen.

Im Anti-Atlas sind landwirtschaftliche Erträge gerade noch möglich. Dazu haben die Berber früher Getreidespeicher, Agadire genannt, errichtet. Heute sind viele nicht mehr in Funktion und drohen zu zerfallen. Die Speicherburg war wie eine Bank. Jeder Berberstamm hatte da seine eigene Kornkammer und jede Familie im Stamm hatte eine Art Schliessfach. Dort wurden all ihre Wertsachen gelagert. Jede Familie war damals abwechselnd für eine gewisse Zeit für die Verteidigung des Agadirs verantwortlich.

Durch die Berge sind wir unterwegs zu einem ganz besonderen Ort, doch mehr dazu im nächsten Reisebericht…

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Bea Egli
Bea Egli

Na haben die Seeigel geschmeckt?😜