Auf und Ab durch die kanadischen Rocky Mountains

Treffpunkt: Thirsty Bear

Hibbelig warten wir im Pub Thirsty Bear einerseits auf das Entdecken der machtvollen Berge, türkisblauen Seen und eindrucksvollen Landschaften in den nächsten Wochen in Alberta und British Columbia, andererseits ganz besonders auf den langersehnten Besuch von Claudia und Simon, zwei Freunden aus der Schweiz.

Gemeinsam wollen wir die kanadischen Rocky Mountains entdecken, in den Bergen unterwegs sein, Wandern, schöne Orte sehen und das Reisen zu viert geniessen. Noch in Marokko haben wir uns, ohne uns vorher genauer über Kanada informiert zu haben, hier am südlichsten Zipfel der kanadischen Rocky Mountains im Waterton Lakes Nationalpark verabredet.

Um diese, für uns sehr wichtige, Verabredung einhalten zu können, haben wir einen wahren Spurt durch die Prärie hingelegt. Total unvorstellbar waren für uns nämlich die enormen Distanzen hier in diesem riesengrossen Land.

Phu, wir haben es rechtzeitig geschafft und sitzen im Thirsty Bear, den Blick immer wieder zur Eingangstür gerichtet bis unsere zwei Freunde aus dem strömenden Regen eintreten und wir in einer herzlichen Umarmung versinken. Jetzt wird bei Bier und Burger erst Mal gequatscht!

Waterton Lakes Nationalpark

Es riecht nach frischem Kaffee im Manny. Eben draussen gekocht, bringe ich die Tassen hinein, als ein Schwarzbär direkt am Manny vorbeirennt. Uiii, was wenn ich noch draussen gewesen wäre… Gut gestärkt, aber mit leicht zitternden Knien brechen wir zu viert auf eine Wanderung zum Bertha Lake auf. Die Gespräche kommen immer mal wieder auf das Thema Bären. Sie sehen schon beeindruckend aus. Aber ehrlich gesagt, die Möglichkeit einer Begegnung eines unfreundlichen Teddybären macht uns schon ein bisschen nervös.

Wir haben die Broschüren über die Verhaltensweisen bei Bärenbegegnungen studiert und verinnerlicht. Aber wenn wir einem so hautnah begegnen, würden wir doch lieber ein paar andere Leute vorschicken. 😊

Der Wanderweg führt uns durch eine Gegend, die 2017 vom Kenow-Waldbrand betroffen war. Einen Blitzeinschlag löste damals das Feuer aus, wodurch fast 200 km2 Wald niederbrannte. Entlang des Weges sehen wir die schwarz verkohlten Bäume und sind beeindruckt wie schnell die Natur sich regeneriert hat. Der Boden ist schon wieder übersäht mit grünen Pflanzen und Wildblumen.

Abseits unterwegs

Graue Wolken umhüllen die Umgebung. Regen prasselt ununterbrochen auf die Frontscheibe und selbst ein kurzer Spaziergang durch die von einem riesigen Felssturz zerstörte Umgebung lockt nicht.

Wir entscheiden uns für die Forestry Trunk Road, die Schottervariante zum asphaltierten Highway in Richtung Norden zu den Bergriesen. Der Regen hat die Piste aufgeweicht. Wir rutschen über den seifigen Untergrund und das Fahren fordert volle Aufmerksamkeit. Toll ist aber, dass auch der Van richtig Gefallen findet, etwas Abseits unterwegs zu sein.

Im Grünen finden wir einen Schlafplatz, hören das Rauschen des Flusses und sehen die braune Schlammschicht, welche die Fahrzeuge überziehen. Lange verweilen wir aber mal wieder nicht draussen. Es ist uns zu nass. Bei einem äusserst angeheizten Würfelspiel, welches die Frustrationstoleranz auf die Probe stellt, neigt sich einen weiteren Tag zu Ende.

Unterwegs zu den Bergriesen

Auf und Ab geht es auf der Piste, kurvenreich durch den Wald und entlang von saftig grünen Wiesen. Überrascht werden Simon und Claudia von einem im Gebüsch verschwindenden Grizzly. Manchmal muss man einfach zum exakten Zeitpunkt am genau richtigen Ort sein. Welch ein Glück!

Wir kurven durch die landschaftlich sehr schönen Kananaskis Berge und kommen den Bergriesen immer näher. In der Nähe eines kristallklaren Bergsees lockt uns eine kurze Wanderung. Kaum losgestapft verdunkelt sich der Himmel und es giesst aus Kübeln. Aufgeweicht und tropfend beenden wir den erfolglosen Wanderversuch und suchen Zuflucht in den Fahrzeugen. Wohin nur mit all den nassen Kleidern? Ob die wohl irgendwann wieder trocken werden?

Menschenmassen

Die Nationalpärke Banff und Jasper locken vor allem zwischen Juni und August jährlich zahlreiche Touristen aus der ganzen Welt an. Das heisst, es ist Hauptsaison und wir sind hier nicht mehr alleine unterwegs. Als wir den Ort Banff ansteuern, trifft uns dennoch beinahe der Schlag. So unglaublich viele Menschen mit den unterschiedlichsten Absichten tummeln sich hier.

Etwas pummelige amerikanische Senioren stürmen gerade das Visitor Center, japanische Touristen hantieren mit dem Selfie-Stick umher und bleiben an jeder Ecke stehen, ein Reisebus lädt seine Passagiere mit einem abgepackten Lunchpacket aus und sie nehmen die nächsten Picknicktische in Beschlag, junge Ladies in kurzen Röcken schlendern durch die Gassen und bärtige Männer in Expeditionskleidung laden ihre Ausrüstung aus den Pickups. Sprachlos zieht es uns weg. Wie wird das wohl bei den türkisfarbenen Postkartenseen Lake Peyto und Lake Louise sein?

Banff Nationalpark

Auf dem Parkplatz des C-Level-Cirque Trails kommen uns zwei junge New Yorker entgegen und berichten, dass gerade eben eine Schwarzbärenmutter mit zwei Jungen auf dem Wanderweg gesichtet wurden. Leicht nervös starten wir die Wanderung. Gerüstet mit Bärensprays, Glocke und Wanderstab setzen wir uns lautstark unterhaltend in Bewegung. Ohne unverhofften Besuch erreichen wir die Baumgrenze und werden mit einer tollen Aussicht ins Tal und auf den Minnewanka See belohnt.

Wir wissen, dass der Andrang beim Lake Louise und Lake Moraine gigantisch sein wird. Also stellen wir in den frühen Morgenstunden den Wecker um vor dem grossen Menschenstrom bei den zwei Seen zu sein. Tja, die Idee hatten Tausend andere auch. Eine Blechschlange rattert in Richtung der grossen, bereits randgefüllten Parkplätze, wo mit Leuchtstäben bewaffnete, freundliche Leute in orangen Westen die Autos zurück ins einige Kilometer entfernte Dorf schleusen.

Na ja, dieser Versuch, zu den Seen zu gelangen, scheitert. Die Lust, es nochmal zu versuchen, verspürt keiner von uns. Nichts wie weg!

Wir verlassen den Nationalpark um an einem schönen Plätzchen die sagenhafte Natur in Ruhe und Einsamkeit geniessen zu können. Dazu gehört ein kaltes Bad im Fluss, Holz hacken, Schlangenbrot im Feuer backen, den bunten Vögeln hinterherschauen, Herbert in die Runde aufnehmen und kunstvolle Schnitzarbeiten an den Wanderstäben vornehmen.

Abstecher zum Kootenay Nationalpark

Wir weichen auf den weniger besuchten Kootenay Nationalpark aus. Es geht entlang eines breiten, steinigen Flussbetts, in dem sich das Wasser mäanderförmig einen Weg sucht. Schwarz verkohlte Baumreste ragen über die von einem vergangenen Waldbrand gezeichneten Hügel, eisblau donnert das Wasser den Fluss hinunter und wir finden bei einem ruhigen Schlafplatz Zeit, um Steinmännchen zu bauen. Während Tobi und ich uns einen ruhigen Tag am Fluss gönnen, lassen sich Claudia und Simon in den nahegelegenen Hot Springs verwöhnen. Gemeinsam klingen wir den Tag mit einem feinen Pizzaplausch aus.

YOLO im YOHO Nationalpark

Auch im Yoho Nationalpark geht es ein bisschen ruhiger zu und her. Im Morgengrauen tauchen zwischen den Nebelschwaden die Wapta Wasserfälle auf. Herrlich mystisch! Noch in den frühen Morgenstunden beschliessen wir: You Only Live Once (YOLO), oder in unserem Fall eher YOHO: You’re Only Here Once und starten voller Tatendrang in den Tag. Heute kann uns auch das Wetter nicht von den schönsten Orten Kanadas und dem Wandern abhalten.

Im Yoho Valley bestaunen wir den hohen Takakkaw Wasserfall. Laut tost er vor sich hin. Wir wandern bis zum Yoho Lake, einem smaragdgrünen Bergsee umgeben von Wald. Die dicken Äste schützen uns beim Picknick leicht vom Regen. Die Grundstimmung sinkt. Den Abstieg auf demselben Weg lockt wenig, so überwindet sich jeder den Aufstieg über Schneefelder bis oberhalb der Baumgrenze im Regen fortzusetzen. Dafür werden wir mit einer traumhaften Aussicht belohnt: gletscherbedeckte Gipfel, Wasserfälle, grüne Wälder und karge Felsen. Sogar der Regen lässt nach! Motiviert setzen wir unsere Wanderung fort bis zum Gletscher. Dort holt uns jedoch die nächste graue Wolke ein, der Wind zerrt an den Kleidungen und wortlos treten wir nun definitiv den Abstieg an. Am weiss-schäumenden Fluss entlang gelangen wir schlussendlich zurück zum Parkplatz.

Züge und ihre Faszination

Immer mal wieder kommt ein langer Zug angerattert. Beeindruckt von der Länge und interessiert an den drei bis vier Lokomotiven verfolgen wir das Transportmittel, welches im Schneckentempo mit tonnenschwerer Waren über die Gleise knattert. Auf unserer Fahrt am Kicking Horse River entlang treffen wir auf einen Aussichtspunkt, welcher mit Spiraltunnel betitelt ist. Mit scharfem Blick suchen wir den Berg ab und entdecken auf unterschiedlicher Höhe zwei Eingänge. Die Eisenbahnlinie gleitet hier durch die steil aufragenden Felswände der kanadischen Rocky Mountains. Nach Schweizer Vorbild schufen die Ingenieure den Tunnel mit zwei Kehren. Dadurch wurde die Strecke sicherer: sie wurde künstlich verlängert und das Gefälle konnte massiv gesenkt werden.

Touristenströme auf dem Icefields Parkway

Den berühmten Highway 93, auch Icefields Parkway genannt, ist eine gute ausgebaute Strasse durch die Berge. Sie soll einer der schönsten und spektakulärsten Strassen Kanadas sein. Alle paar Kilometer gibt es etwas zu sehen. Hier ein Gletschersee oder ein weites Flusstal, dort ein Wasserfall oder eine enge Schlucht und daneben immer wieder schöne Ausblicke auf die teilweise vergletscherten Gipfel rechts und links.

Alleine sind wir hier nicht unterwegs und so beginnen wir bald den einen oder anderen Panoramaaussichtspunkt auszulassen. Die Natur ist atemberaubend, sie aber im Gedränge mit hundert Anderen am Geländer einer Plattform teilen zu müssen, nimmt uns den Anreiz und mindert deren Schönheit.

Ungefähr in der Mitte des 230 km langen Icefields Parkway befindet sich das Columbia Eisfeld. Es ist ein Überbleibsel der gigantischen Eismassen der letzten Eiszeit, welche einst fast ganz Kanada bedeckte. Heute ist es das grösste Eisfeld südlich des Polarkreises und speist acht Gletscher. Auf einem kleinen Spaziergang ist es möglich dem Eis nahe zu kommen. Nachdenklich stimmen die Informationstafeln über das Verschwinden des Gletschers. Eindrücklich ist aber die Kälte, die vom Eis ausgestrahlt wird. Und für noch mehr Spektakel sorgen aber die Touristen!

Dauerregenschleife im Jasper Nationalpark

Seit wir in den Rocky Mountains sind, schleppen wir den Regen mit. Uns im Manny und unseren Gefährten im Van gefällt das nicht wirklich. Wie oft wohl Simon im Regen gekocht hat? Eine ziemlich blöde Angelegenheit! Danke für das gewährte Asyl im Van, um jeweils gemeinsam zNacht essen zu können.

In den wenigen trockenen Stunden bewandern wir die Umgebung. Eine kleine Wanderung beim Mount Edith führt uns zu einer gigantischen Aussicht auf einen kleinen Gletscher und den grünlich strahlenden Teich mit Eisschollen. In erneutem Unglauben über die Schönheit dieser unberührten Natur, wandern wir schnellen Schrittes weiter, denn die Regenpause ist nur von kurzer Dauer. Selbst im tagelangen Sauwetter ist es hier atemberaubend. Mystisch schwirren Nebelschwaden an den felsigen Bergen entlang und magisch durchbrechen einzelne Sonnenstrahlen die dicken Wolken.

Trotzdem könnte da oben so langsam jemand mal die Bewässerungsanlage abdrehen. Es reicht uns, selbst die Regenwitze bringen uns nicht mehr zum Lachen. Die Wettervorhersagen bleiben schlecht. Wir einigen uns deshalb, aus den Bergen zu fahren und wer weiss, vielleicht können wir da mal wieder gemütlich ein Lagerfeuer entzünden, draussen Frühstücken oder die Sonne geniessen.

Besitzt du eigentlich kurze Hosen?

Es ist Anfang Juli und man könnte durchaus davon ausgehen, dass dies ein Sommermonat ist. Die Tage sind lang, die Campingplätze voll und die Ferien in vollem Gang. Nur die Sonne will nicht recht. Immerhin, es hat sich gelohnt ein paar Hundert Kilometer aus den Bergen zu fahren, um nur noch einen bewölkten Himmel über uns zu haben, aus dem immerhin kein Wasser mehr fällt.

Stundenlang tüfteln und präparieren wir das durchnässte Holz, um doch ein anständiges Lagerfeuer entfachen zu können. Eingemummelt in mehrere Kleiderschichten und nahe am Feuer jassen wir. Der guten Freundschaft zu liebe, wird nämlich das Würfelspiel nicht mehr angerührt.

Regenwald und Schwarzbären

Die letzten Tage der tollen Gesellschaft von Simon und Claudia brechen an. Die Bärenquote ist spärlich. Umso euphorischer sind wir, als wir auf einer kurzen Fahrt zum Ancient Forest elf (!) Schwarzbären sichten. Es ist toll sie in freier Wildbahn aus sicherer Distanz zu beobachten. Der Reiseabschiedsspaziergang machen wir im Ancient Forest. Das ist ein kleiner Regenwald mit Riesen-Lebensbäumen und einer reichen Artenvielfalt an Pflanzen, Moosen, Flechten und Pilzen.

Wie überall geht irgendwann die Schöne Zeit zu Ende. Für uns viel zu früh, denn wir haben das Reisen mit euch, Claudia und Simon, unendlich genossen. Vielen Dank für die grandiose, abwechslungsreiche, spannende und lustige Zeit!

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Lea
Lea

Wieder wunderschöne Bilder und ein spannender Bericht!
Ich wünsch euch ganz bald eine grosse „Hampfele“ Sonnenstrahlen!☀️😘

Christl Tanz
Christl Tanz

Weiterhin viel , viel Spaß , wunderbare Erlebnisse und bleibt gesund! Tolle Fotos und Berichte.
Ganz leibe Grüße von Christl